Schneckenhäuser in Endzeitstimmung

In Zeiten wie diesen ist das Wort “Klimakatastrophe” in aller Munde. Die Sonderausstellung “Klimakapseln” im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe fragt nicht, ob diese Katastrophe eintritt – sondern welche Lösungen der Mensch findet, um trotzdem zu überleben.

Er ist lebendig verpackt, scheinbar eingeschweißt in eine riesige Plastikfolie. Wie ein Stück rohes Steak baumelt er von der Decke. Die Haut dieses Mannes wirft eigenartige Dellen und läuft blau an. Er kann sich kaum bewegen, atmet nur schwach.

Foto: klimakapseln.de

Shrink, englisch für “Schrumpfen”, heißt das Kunstwerk, das wohl am meisten polarisiert. “Verstörend” findet eine Besucherin das Performancevideo, das an die kalkweiße Wand projiziert wird, “Allein vom Zusehen bekomme ich keine Luft mehr.”

Der Vakuumverpackte ist Lawrence Malstaf, der Künstler selbst, der seine Performance als sterile Schutzhülle des Menschen versteht. Das Video ist nur eines von vielen Exponaten, zu sehen im Museum für Kunst und Gewerbe unter dem Titel “Klimakapseln – Überlebensbedingungen in der Katastrophe“.

Die Ausstellung konfrontiert den Besucher mit zumeist befremdlichen Ideen und Lösungen, die der Überlebenskünstler Mensch findet – wenn der Klimawandel spürbare Realität wird.

Es geht nicht darum, die Klimakatastrophe aufzuhalten – die Künstler scheinen sich mit einer Endzeitstimmung angefreundet zu haben – sondern um Fragen wie: Kann die Menschheit sich retten? Passt sie sich gar den neuen Bedingungen an?

Foto: klimakapseln.de

Ein Großteil der ausgestellten Entwürfe und Objekte erzeugt den Eindruck, als wüsste der Mensch in der Katastrophe nur eine Lösung:
Fliehen. Zum Beispiel in eine ganze Stadt, die auf dem Ozean treibt und bei Gefahr wie ein überdimensionales U-Boot untertaucht. Fliehen bedeutet auch Rückzug: in High-Tech-Schneckenhäuser, klimatisierte Ganzhörperhüllen, mobile Überlebenskapseln.

In der Ausstellung gibt der Mensch der Zukunft seine vielgelobte Freiheit auf – oder lässt sie schrumpfen, bis er Gefangener seiner Schutzkapsel ist.
Verlust von Freiheit oder Gewinn von Sicherheit? Eine Sache der Perspektive.

Wie bei Shrink: von außen ist Shrink eine qualvolle Isolation und erzeugt beim Betrachter Platzangst.
Die Neugierigen, die sich bei der Performance 1995 wie Malstaf einschweißen ließen, sollen jedoch Gefühle der Sicherheit und Schwerelosigkeit verspürt haben. Sogar von pränatalen Empfindungen ist die Rede.

“Klimakapseln” im Museum für Kunst und Gewerbe ist eine eindrucksvolle und aufrüttelnde Erfahrung. Futuristisch – und doch näher, als man denkt.

“Klimakapseln”
Wann: 28. Mai 2010 bis 08. August 2010
Wo: Museum für Kunst und Gewerbe
Steintorplatz (am Hauptbahnhof)
20099 Hamburg

Öffnungszeiten:
Di – So: 11:00 Uhr – 18:00 Uhr
Mi – Do: 11:00 Uhr – 21:00 Uhr

Eintrittspreise:
regulär 8 Euro, ermäßigt 5 Euro.
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Eintritt.

Über Anyutik

Anyutik heißt in Wirklichkeit Anna. Eine kleine Person mit großem Ziel: Redakteurin werden und vom Journalismus leben. Auf diesem Blog lässt sie ihre Leser an ihrem Weg dorthin teilhaben.
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