Die Zeitschrift Brigitte setzt ein Zeichen. Seit Januar 2010 werden für die Fotoshootings des Magazins keine professionellen Models mehr gebucht. Stattdessen zeigt man “normale” Frauen. Aber wie laufen Brigitte-Fotoproduktionen jetzt eigentlich ab? Ein Selbstversuch.
Make-Up Artist Sascha hat seinen bandscheibenvorfallgeschädigten Chihuahua mitgebracht. Die glubschäugige Hundedame liegt still im Korb, während Sascha wild gestikulierend mit Abdeckstift und Wimperntusche hantiert, um mich ansehnlich zu machen.

Foto: Adrian Korte (flickr.com / adkorte)
Das Fotostudio in der Hoheluftchaussee ist ein eigener Mikrokosmos, scheint abgeschottet vom Alltag. Kein Geräusch von draußen dringt in den weitläufigen Raum. Drinnen herrscht reges Treiben – ohne dass Hektik aufkommt. Unter der Anleitung von Redakteurin Bärbel Recktenwald bereiten die Modeassistentinnen das Set vor. Fotografin Sonja Tobias macht Probeschüsse und stellt die Kamera ein, während ich mich unter Saschas Händen in ein etwas zu klein geratenes Fotomodell verwandle.
Es ist der Auftakt eines Shootings für die Frauenzeitschrift Brigitte. Die Initiative „Ohne Models“ ist ein großer Schritt. Das Magazin verzichtet seit Anfang des Jahres gänzlich auf Profi-Mannequins und lichtet seitdem Laienmodels für das Heft ab. „Frauen wie du und ich“, wie man so schön sagt. Alles kann, nichts muss.
Nackt dank Kreppband
Nun bin ich mittendrin statt nur davor, eine blutige Anfängerin. Gleich zu Beginn steht meine amateurhaften Vorbereitung einem guten Foto im Weg. Ich soll ein Kleidchen tragen, hellbeige und halbtransparent. Mein BH, pechschwarz, zeichnet sich darunter ab. Reserve-Büstenhalter hat das Team nicht mitgebracht.
Redakteurin Bärbel rümpft die Nase. Bei einem Profi wäre das garantiert nicht passiert, schießt es mir durch den Kopf.
„Und wenn du nichts darunter trägst?“, fragt Bärbel vorsichtig. Nun rümpfe ich die Nase. Fast-Nacktfotos in der Brigitte? Lieber nicht. Die letzte Lösung: mit Kreppband den BH abkleben. Fühlt sich kratzig an, macht die schwarzen Träger unter dem Kleid aber unsichtbar. Jetzt lächelt Bärbel wieder.
Die Brigitte tut sich mit „Ohne Models“ rein organisatorisch keinen Gefallen. Zwar zahlt sie den Laien ein ähnliches Honorar wie früher ihren Berufsmodels – die Shootings hingegen gestalten sich weitaus schwieriger. Im Gegensatz zu professionellen Models, die ihre Wirkung auf Fotos kennen, braucht eine Einzelhandelskauffrau/Studentin/Mutter eine gewisse Anlaufzeit, bis sie warm wird, die richtigen Posen findet und natürlich lächeln kann.
Fotografen als Psychologen
Flankiert von zwei Styroporwänden stehe ich im durchsichtigen Minikleid vor einem fliederfarbenen Hintergrund. Meine schwarzbraunen Locken sind hochgezwirbelt, damit sie fluffiger aussehen.
Das gesamte Team sieht zu, während Fotografin Sonja im Sekundentakt den Auslöser drückt. Sascha feuert mich an. Die Kamera klickt unermüdlich.
Ich weiß nicht wohin mit meinen Armen. Stemme sie in die Hüften, verschränke sie vor meiner Brust, lasse sie dann hilflos hinunterhängen. Ich brauche Anweisungen, Sonja gibt sie mir. Langsam werde ich locker, spitze die Lippen, schneide Grimassen. “Sehr schön!”, lacht Bärbel.
Seit “Ohne Models” sind die Moderedakteure, Praktikanten, Assistenten und Fotografen nicht nur Spezialisten auf ihren Gebiet – sie müssen auch Psychologen, Pädagogen, Coaches und Cheerleader sein. Und das gelingt ihnen heute. Mit spielerischer Leichtigkeit schaffen sie eine Wohlfühlatomsphäre im Altbaustudio. Sie qietschen, gröhlen, gackern und singen.
Germany’s Next Topmodel in “nett”
Was Germany’s Next Topmodel mit viel Tamtam, einem Drehbuch und literweise Tränen versucht, ist für Brigitte Alltag in “nett”. Die Initiative verschafft völlig unerfahrenen Mädchen und Frauen eine Seite Ruhm – in Fotostrecken und auf Titelseiten einer Zeitschrift, die von über 30 Millionen Menschen gelesen wird. Jede Frau, die nicht als Model arbeitet, hat eine Chance. Und keine muss unter Bedingungen, die an die Spanische Inquisition erinnern, einen Laufsteg auf und ab stöckeln oder sich von Heidi Klum anhören, keine Persönlichkeit zu haben. Nur eine Online-Bewerbung ausfüllen, zwei Fotos anhängen, abschicken. Ist man geeignet für ein bestimmtes Thema, wird man gebucht.
Krack! Ich könnte im Boden versinken. Ein Requisit ist kaputt und ich bin schuld. Ein Unfall allein reicht nicht, denn kurz darauf rutsche ich aus und reiße die halbe Kulisse mit. Der Tollpatsch der Nation.
Nicht schlimm, versichert mir das Team. Sascha hält sich den Bauch vor Lachen, findet mich “goldig”. Und ehe ich mich versehe, sind zwei Stunden vergangen und viele, viele Fotos geschossen. Bärbel ist zufrieden mit dem Ergebnis, Sonja begeistert, Sascha entzückt.
Ein Supermodel bin ich jetzt nicht – und werde es mit 1,57m und Kleidergröße 38 auch nie sein. Eine Assistentin drückt mir zwei Fotos in die Hand. Erinnerungsstücke. Ich verabschiede mich vom Team, diesen lebenden Stimmungsaufhellern. Streiche ein letztes Mal dem verschlafenen Chihuahua über den Kopf, trete mit einem Grinsen und stolzgeschwellter Brust aus dem Studio. Wer braucht schon GTNM?

Klasse Beitrag! Ich war recht skeptisch gegenüber den Brigitte-Models, nicht weil sie “so gut” aussehen, was vielfach moniert wurde – klar! Die meisten Frauen sehen richtig gut, ist ja bloß die Selbstwahrnehmung, gel….
-sondern weil die erste Ausgabe den Eindruck erweckte dass sind auch besonders tolle Frauen. Also Künstlerin, Ballerina, was auch immer. Keine Kassiererin dabei. Das Leben hat mehr Vielfalt zu bieten als Hausfrau, zwei Kinder, Ehemann und ein tolles Haus in xxx.
Übrigens ist Kleidergrösse 34 für manche oder die meisten nicht erstrebenswert – ich hatte immer 34 aufgrund meiner Größe. Oder “Kleine”?!
Ich finde Diversität gut – Ästhetik ist zwar schon immer kulturell bedingt, aber wir haben nur die Möglichkeit das angesichts des geschichtlichen Verlaufs differenzierter zu sehen. Es gab schon alles, dick, dünn – jetzt sollte es eben erst recht alles geben!