“Der Mensch ist mehr, als wie er sich im Internet gibt.”
Ein Satz aus dem Abschiedsbrief von Roberto Müller, der sich am 25. Mai 2010 das Leben genommen hat. Er starb im Alter von 19 Jahren.
Ein trauriges Schicksal, aber nichts Außergewöhnliches, denken sich nun viele. Schließlich gab es schon immer Menschen, die sich umbrachten. Weil sie mit sich und der Welt nicht so weitermachen konnten. Weil sie keinen Ausweg sahen.
Und doch ist der Abschied des Roberto Müller anders. Das fängt schon mit den zwinkernden Smileys in seinem Abschiedsbrief an:
“Viele von euch werden das nicht verstehen. Und das ist ok, immerhin kennen mich die meisten nur aus diesem komischen Internet
”

Foto: Jean Pichot (flickr.com)
Roberto war, wie viele Menschen in seinem Alter, im World Wide Web aktiv. Der TV-Serienfan mit den Ringellocken tauschte sich in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook aus und betrieb gleich drei Blogs. Und doch konnte keiner seiner zahlreichen Kontakte etwas ahnen, als er vier Tage vor seiner Tat bei Twitter schrieb:
“Es wird schwierig den Leuten beizubringen, dass es eine logisch, gut überlegte Entscheidung war.”
Er schien sein Leben im Netz zu führen. Berichtete über seine Schlafstörungen, Fernsehabende, die Arbeitssuche. Er hatte “Follower“, “Friends” und Leser – und war doch so einsam, dass er diesen radikalen Schritt gegangen ist. In seinem Abschiedsschreiben sagt er:
“[...] viele werden sich denken, dass sie es doch hätten bemerkt haben müssen. Aber ich wäre doch nicht ich gewesen, wenn man es gemerkt hätte
[.]“
Tatsächlich deuten nur wenige Anzeichen darauf hin, dass Roberto unglücklich oder depressiv gewesen sein könnte. Und diese fallen dem Leser, Freund, Follower erst im Nachhinein auf. Normalerweise denkt man sich nichts dabei, wenn ein Twitter-Nutzer etwa schreibt, dass er nicht schlafen kann.
Auch, dass er gerade das scheinbar harmlose (weil ungiftige) Gas Helium dazu verwenden würde, um seinem Leben ein Ende zu setzen, hätte wohl kaum einer vermutet. Jetzt, nach seinem Erstickungstod, scheinen viele seiner Tweets klarer. Der Versuch einer Rekonstruktion von Robertos Selbstmordplan.

Foto: Niels Heidenreich (flickr.com / schoschie)
- Montag, 17. Mai 2010 15:53:14: “Heute aufm Weg nach Hause ist mal meine Phantasie mit mit durchgegangen. Können wir froh sein, dass Gedanken geheim bleiben ^__^ #yay”
- Dienstag, 18. Mai 2010 03:43:50: “Helium. Ich brauch Helium. Baumarkt.”
- Dienstag, 18. Mai 2010 19:40:54: “Kein Helium im Kaufland. Die haben doch sonst alles. :-/”
- Dienstag, 18. Mai 2010 23:42:41: “Selbst heute gibt’s noch Dinge für die es kein einfaches How-To im Netz gibt. Hab nun einiges gesammelt und weiß nun das was ich wissen will”
- Mittwoch, 19. Mai 2010 02:39:32: “Ok, dann mal Bett. Morgen überleg ich dann mal wie genau es läuft.”
- Mittwoch, 19. Mai 2010 12:25:25: “So, es ist beschlossene Sache. Ich werd’s so machen wie geplant. Auch wenn ich Bammel davor habe xD”
- Donnerstag, 20. Mai 2010 15:32:41: “1m Schlauch angekommen. Super Sache.”
- Freitag, 21. Mai 2010 01:40:11: “Jeder sollte das Recht haben frei über seinen Tod zu entscheiden. Das dieses Thema gerade dann kommt wenn ich mal Domian sehe :-/ #zufall”
- Freitag, 21. Mai 2010 03:08:15: “Ich twitter gerade viel. Weiß ich selber. Aber wenn ihr wüsstet. Is schon besser so
– Nudeln in Mikrowelle
” - Freitag, 21. Mai 2010 15:24:45: “Die Lieferung ist da.”
- Freitag, 21. Mai 2010 15:34:18: “Helium. Was ne geniale Sache
” - Freitag, 21. Mai 2010 15:46:59: “Es wird schwierig den Leuten beizubringen, dass es eine logisch, gut überlegte Entscheidung war.”
- Samstag, 22. Mai 2010 06:04:22: “Wenn ihr wüsstet um was es in den Tweets der letzten Tage geht. Is schon besser so
– Aber nun gibt’s Kaffee…warum? Zum überleben
”
Roberto Müller ging schreiend, und doch wurde nicht einmal ein Flüstern wahrgenommen – bis es zu spät war. Vielleicht bringt uns dieses Schicksal endlich dazu, mit offenen Augen durch die Welt gehen – im realen Leben und im Internet.

Hey,
danke für den Eintrag. Leider hast du nur allzrecht mit der Rekontruktion. Ich habe gleich, nachdem ich es erfahren habe mich mit einem Freund hingesetzt um nach Hinweisen zu suchen. Und ich habe genau diese zu meinem Erschrecken gefunden. Aber genau wie alle anderen, habe ich mir nichts dabei gedacht. Ich weiß nicht, ob ich mir einen Vorwurf machen soll. Ich denken nein, denn er schreibt selbst, dass er nicht ergewesen wäre, wenn man ihm es auf irgendeine Art und weise hätte angemerkt. Aber doch…
Nach wie vor unfassbar. Ich kann es nicht weiter in Worte fassen.
Pingback: Trauer um Roberto Müller - dieNachdenker
Aus den zitierten Tweets kann niemand im Vorhinein Selbstmordgedanken ableiten. Es gibt unzählige, die lauter und deutlicher rufend auf diesem Weg gehen, ohne je den letzten Schritt zu setzen.
Vorwürfe darf man sich da nicht machen. Sonst müsste man jedem Menschen bei der Vorbereitung von Kindergeburtstagen oder beim Einkauf in der Drogerie in den Arm fallen und versuchen, sie davon abzuhalten. Man würde erst Unverständnis ernten, später Ärger, und schließlich würden die Menschen einem aus dem Weg gehen. Am Ende wäre man selbst so weit.
Er wollte nicht, dass es jemand im Vorhinein ahnt, und das hat er auch geschafft. Er hat es sich gut überlegt – ist dabei bestimmt von falschen Voraussetzungen ausgegangen und hat Vorübergehendes für ewige Wahrheit gehalten. Doch dieser Plan war nicht zu verhindern.