Eine Woche Armenien: von A nach B.

Der erste Eintrag der Serie Eine Woche Armenien: wie kommt man in Armeniens Hauptstadt Yerevan von A nach B?

Umrechnet einen Euro kostet eine Taxifahrt in Yerevan im Durchschnitt. Für diesen Betrag kommt man aus einem Randbezirk ins Zentrum der Stadt.
Der klapprige Lada steht am Straßenrand einer Plattenbausiedlung und wartet auf Kunden wie mich, die mal eben schnell in die Innenstadt wollen. Die ursprünglich weiße Farbe des kastenförmigen Taxis ist einem schmutzigen Graubeige gewichen. Alle Fenster sind heruntergekurbelt, schließlich herrschen Temperaturen von über 38°C im Schatten. Eine Klimaanlage hat das gut 30 Jahre alte Auto nicht.

Mit dem Taxi durch Yerevan – manchmal ohne Taxameter

Foto: flickr.com

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Die abgewetzten Sitze sind notdürftig mit Miniperserteppichen bedeckt. Hinten sind die Sicherheitsgurte abmontiert, vorne gibt es sie noch. Allerdings klemmen sie und sind verstaubt – ein Zeichen, dass sie ewig nicht benutzt wurden. Der Fahrer selbst hat seinen Gurt auch nicht angelegt – obwohl das seit einigen Jahren Pflicht in Armeniens Straßenverkehr ist und ein Verstoß dagegen mit hohen Bußgeldern bestraft wird. „Wo soll’s hingehen, Liebes?“, fragt der Fahrer, ohne mich anzusehen. Sein graumelierter Schnauzbart wackelt bei jeder Silbe, auf seinem Kopf ist nicht mehr viel Haar übrig. Als ich ihm das Ziel nenne, lässt den Motor heulen und gibt Gas.

Taxameter gibt es in vielen Taxen in Yerevan – in diesem nicht. Einheimische kennen den ungefähren Preis ihrer Strecke auswendig. Touristen müssen entweder den Fahrern blind vertrauen oder per Telefon ein Taxi bestellen und dabei ausdrücklich auf einen Wagen mit Zähler bestehen. Das Taxi ruckelt über die Straßen der Außenbezirke. Hier und da gibt es badewannengroße Schlaglöcher, denen es auszuweichen gilt.

Fahrräder sind hier keine Transportmittel sondern Kinderspielzeug

Foto: flickr.com

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Die Devise im Stadtverkehr: eine Mischung aus defensivem Fahren und „mit dem Kopf durch die Wand“. Wer einmal den Verkehr in Rom miterlebt hat, weiß, was ich meine. Hinzu kommt, dass die Stadt ein enormes Platzproblem mit ihren vielen Autos hat. Yerevan ist kurz vor dem Verkehrsinfarkt: zu den Stoßzeiten ist die Innenstadt überfüllt und ein Hupkonzert erfüllt die Luft.

So auch heute. Es geht nur gemächlich voran, die Autos stauen sich auf der Hauptstraße, die direkt zur Yerevaner Oper führt. Der Opernplatz ist ein beliebter Treffpunkt im Zentrum. Hier versammeln sich Jung und Alt, gehen in den zahllosen Cafés hausgemachten Eistee trinken und lassen ihre Kinder auf dem großzügigen Gelände Rollschuh- und Fahrradfahren. Überhaupt ist das Fahrrad hier kein Transportmittel, sondern ein Kinderspielzeug, mit dem die Kleinen am liebsten im Kreis fahren.

Marshrutka: Linientaxi, Minivan und Sardinendose

Foto: flickr.com

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Wer kein Geld für ein eigenes Auto oder regelmäßige Taxifahrten hat, nimmt die „Marshrutka“. So nennen Armenier kurz ihre „Marshrutnoye Taksi“, die allgegenwärtigen Linientaxis – das wohl am meisten genutzte öffentliche Verkehrsmittel in Yerevan.
In so eine Marshrutka, in etwa so groß wie ein Minivan, quetschen sich im schlimmsten Fall über zwanzig Leute. Eine Fahrt kostet umgerechnet weniger als 20 Cent.

Marshrutkas halten nicht nur an den heruntergekommenen „Haltestellen“ (verrostete Metallfähnchen am Straßenrand) sondern auch überall, wo sie herangewunken werden. Außerdem kann man an jeder Ecke aussteigen. Man sollte dem Fahrer – meist braungebrannte Zeitgenossen mit verstaubtem Karohemd, Schirmmütze und Zigarette im Mundwinkel – kurz vorher laut ein Zeichen geben, dass er anzuhalten hat.

Mini-Ausgabe der Moskauer Metro unter der altrosa Stadt

Foto: flickr.com

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Im Taxi läuft mir der Schweiß literweise am Körper entlang. Langsam aber sicher löst sich der Verkehrsknoten. Die Route führt an mehrstöckigen Wohnhäusern aus altrosa Tuffstein vorbei, das Markenzeichen der Yerevaner Architektur. Aus vielen Fenstern sind Wäscheleinen zum nächsten Gebäude gespannt, an denen Bettlaken, Handtücher und Babystrampler hängen und bei diesem Wetter in Sekundenschnelle trocknen.

Gerade in der brütenden Sommerhitze ist die unterirdische Metro eine willkommene Alternative zum Stop and Go der glühenden Blechlawinen. Die Yerevaner Metro kann man sich wie eine Mini-Version der Moskauer U-Bahn vorstellen. Marmorverkleidete Stationen, in denen immer eine angenehm kühle Brise weht und wo im Minutentakt ohrenbetäubend laute Waggons halten.

Mein Lada-Taxi ist am Ziel angekommen: der „Park der Verliebten“ ist ein zu groß geratener Garten mit verschlungenen Wegen und japanisch angehauchten Minibrücken über glitzernden Teichen. Auf den Parkbänken treffen sich Liebespaare zum ersten Date, um einige Zeit später dorthin zurückkehren. Mit einem professionellen Hochzeitsfotografen, der Erinnerungsbilder vom glücklichen lächelnden Brautpaar schießt.

Über Anyutik

Anyutik heißt in Wirklichkeit Anna. Eine kleine Person mit großem Ziel: Redakteurin werden und vom Journalismus leben. Auf diesem Blog lässt sie ihre Leser an ihrem Weg dorthin teilhaben.
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