Folgenden Text habe im November letzten Jahres als Bewerbungsreportage bei der Henri-Nannen-Journalistenschule eingereicht. Leider ohne Erfolg, zu den Aufnahmeprüfungen wurde ich nicht eingeladen. Das Thema, welches ich aus den fünf vorgegebenen ausgesucht hatte, war “Helden des Alltags“. Ich hab mir die Reportage erst letztens wieder durchgelesen und war erstaunt darüber, wie sehr ich mich seitdem journalistisch weiterentwickelt habe. So würde ich heute wohl nicht mehr schreiben: der Einstieg viel zu schwach, nicht genug erklärende Faktenblöcke, alles zu unspannend gemacht. Aber lest und beurteilt selbst.

Foto: Demion (flickr)
“Oh diese Männer!”, seufzt Hermine Singhoff. Die ehrenamtliche Helferin weiß, wovon sie spricht. Es sind immer wieder Männer, die am Ausgabetag aufmischen.
“Manchmal”, erzählt die fragile Achtzigjährige, “werden sie richtig laut und grob. Viele setzen sogar die Ellenbogen ein, um zuerst an die besten Teile zu kommen.”
Heute ist so ein Ausgabetag, ein Donnerstag. Vor den Türen des Gemeindehauses der Elisabethkirche in Hamburg-Eidelstedt steht eine dichtgedrängte Menschentraube. Asylbewerber, vereinzelt auch Deutsche. Diesmal sind keine Obdachlosen gekommen.
Die Bedürftigen warten auf die Nummernvergabe. Der Einlass erfolgt nur in kleinen Gruppen, der Platz reicht nicht für alle.
Die Kleiderkammer befindet sich seit ihrer Gründung vor 20 Jahren in zwei engen Kellerräumen des Gemeindehauses. Drinnen riecht es muffig. Metallregale ragen in die Höhe, gebrauchte Kleidung stapelt sich bis unter die Decke.
Auch Haushaltswaren, Spielzeug, Bettwäsche und Tischdecken birgt die unterirdische Schatzkammer.
Ruth Reichert und Frau Singhoff treten aus der Tür, begrüßen die Menge und verteilen Nummernzettel. “Nicht drängeln!” Ruths Stimme ertönt dabei laut wie eine Bahnhofsdurchsage. Die quirlige Helferin ist 65 Jahre alt, ein schlankes Energiebündel mit kurzen Haaren. Das Durcheinander kennt sie gut.
Die Wartenden scharren mit den Füßen, gestikulieren, greifen nach den Nummern. Ein Brei aus Türkisch, Russisch und Deutsch übertönt Ruths Versuche, die Meute zur Ordnung zu rufen.
“Es gibt immer welche, die sich ungerecht behandelt fühlen”, sagt Frau Singhoff und zuckt mit den schmalen Schultern, “und jeder hat einen Vorwand, um zuerst reinzukommen.”
Dann kommt ein knapp zwei Meter großer Mann die Treppen zur Eingangstür hoch, will den zierlichen Frauen helfen: Friedrich Cardinal ist Ruths älterer Bruder, alle nennen ihn Fiete. Er bringt Ordnung ins Chaos an diesem Donnerstag, beruhigt die Ungeduldigen. Sein entspanntes Wesen und sein Humor helfen ihm dabei.
“Es versuchen viele, zu betrügen und zu stehlen. Manchmal muss man da ein wenig strenger sein.”, erklärt er. Dabei lispelt er leicht. “Aber wir sind hier keine Behörde. Wir wollen menschlich mit den Leuten umgehen.”
Das erste Grüppchen darf hinunter, dann geht alles ganz schnell: 15 Personen wühlen sich durch die Kleiderstapel. Sie haben eine halbe Stunde, dann ist die nächste Gruppe dran.
Hektisch, fast routiniert gehen sie ans Werk. Flinke Hände durchstöbern in Windeseile die Hosen, durchforsten Berge von Hemden. Suchend schiebt man sich aneinander vorbei.
Alles in der Kleiderkammer ist gut erhalten. Erfahrene Helfer sehen Dienstags die Kleiderspenden durch und sortieren sie. Kaputtes, Schmutziges und Unbrauchbares wird hier gar nicht erst angeboten.

Foto: Isaac Wedin (flickr / izik)
Einkaufstüten rascheln. “Nicht wegnehmen, das ist meins!”, dieser Satz fällt Donnerstags häufig. Es riecht nach Schweiß, ein Mann hat eine Bierfahne. Innerhalb weniger Minuten gleicht der Boden einem Schlachtfeld. Hosen, Jacken und T-Shirts liegen zusammengeknüllt herum. Einem Kunden fällt ein Kleiderbügel aus der Hand, unauffällig tritt er ihn weg.
Jeder andere wäre wütend, gestresst. Die Helfer der Kleiderkammer sind nachsichtig, verbreiten lieber gute Laune. Ruth und Frau Singhoff unterhalten sich mit den Kunden. Fiete albert herum, tanzt mit einem Folkloregürtel um den Kopf zu Schlager, der aus einem alten Radiowecker dröhnt.
Es verschlägt ihn kurz ins Treppenhaus, wo Kinder der Kunden warten. Sie dürfen nicht mit hinein. Fiete hat ihnen einen Ball mitgebracht.
Dann stellt er sich wieder an die Kasse, diesem Sperrholztresen, auf dem die Ware der Kunden gezählt und eingepackt wird. Eine ältere Kundin legt als Dank Bonbons für die Helfer hin. Das tut sie jeden Donnerstag.
Nach 30 Minuten wird eine Kuhglocke geläutet, Zeit zum Bezahlen.
“Jedes Teil kostet einen Euro”, erklärt Fiete, “so haben die Menschen nicht das Gefühl, Almosen zu erhalten. Aber der Einkauf bleibt bezahlbar.”
Die Einnahmen werden gespendet. Wohin, das bestimmen die über 30 Ehrenamtlichen. Suppenküchen, Nachtasyle und internationale Hilfsprojekte werden so unterstützt.
Auch heute haben einige Männer Radau gemacht. Sie feilschten und ließen sich zum Schluss nur mit sanfter Gewalt hinausschieben.
Frau Singhoff lächelt jetzt. “Das macht aber nichts”, sie wirkt wie eine Oma, die ihren Rabauken alles verzeiht. Die blassen Augen hinter dicken Brillengläsern strahlen. “Der Dank und die Wärme, die wir zurückbekommen, lassen mich jeden Stress vergessen.”
